„Jeder Mensch hat verdient, dass man nach ihm fragt, wenn er nicht da ist“

Nach der musikalischen Eröffnung begann die Gedenkfeier im AWO Pavillon in Höhr-Grenzhausen mit einem Auszug aus dem Buch „Damals war es Friedrich“ des deutschen Schriftstellers Hans-Peter Richter. Der Vortrag der Schüler des Gymnasiums im Kannenbäckerland versetzte die Anwesenden in die Zeit des Nationalsozialismus, als der jüdische Schüler Friedrich die Schule verlassen musste.

Die Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe Ev. Religion des GiK und ihr Lehrer Bernd Christ setzten sich mit der schwierigen Vorstellung auseinander, dass ein Mitschüler plötzlich und ohne vorherige Ankündigung nicht mehr in der Klasse, nicht mehr in der Schule und nicht mehr am Wohnort ist. „Jeder Mensch hat verdient, dass man nach ihm fragt, wenn er nicht da ist“, dieser Satz erscheint in den Vorträgen der Gedenkstunde immer wieder. So erinnern die Jugendlichen an die Gräueltaten der Nazis, an die Schicksale der Opfer und symbolisieren die Verantwortung, die jedem Einzelnen obliegt. Nach den Begrüßungsworten von Frau Pfarrerin Monika Christ beschäftigte sich Saskia Kaiser, Studentin am IKKG, in ihrer Videopräsentation mit der Interpretation des „Verschwindens“ und dem Begriff „Verschollen?“, worauf auch auf der neuen Informationstafel am Eingang des Stadtparkes eingegangen wird.

Bürgermeister Thilo Becker sensibilisierte in seiner Ansprache die Notwendigkeit, für das Schicksal seiner Mitmenschen Interesse und Verantwortung zu zeigen. „Denn es begann im Kleinen. Mit Provokation, Einschüchterung, Verleumdung, mit Worten, “ mahnte Thilo Becker. „Jeder Mensch hat verdient, dass man nach ihm fragt. Bitte fragen Sie auch weiterhin und fragen Sie warum. Respekt vor dem Anderen, Offenheit und Toleranz sind die Garanten für eine friedvolle Zukunft“, so der Bürgermeister weiter.

Der anschließende Schweigemarsch führte zum Mahnmal am Stadtpark, wo in Keramikplatten eingearbeitete Namen an die Opfer aus Höhr-Grenzhausen erinnern. Hier wurde eine neue Erinnerungstafel vorgestellt, worauf u. a. ein Zitat aus den Aufzeichnungen des jüdischen Häftlings Salmen Gradowski zu lesen ist. Diese Texte wurden nach der Befreiung des KZ Ausschwitz auf dem Lagergelände gefunden. Die Erinnerungstafel wurde gestaltet und realisiert von Rolf Knieper über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“.

Durch das Vorlesen der Namen wurde konkret an die jeweiligen Schicksale der 25 ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus Höhr-Grenzhausen und Hilgert erinnert. Anschließend legten Bürgermeister Thilo Becker und Stadtbürgermeister Michael Thiesen einen Kranz zum Gedenken an die ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürger nieder. Außerdem wurden nach jüdischer Tradition Steine auf den Keramikplatten abgelegt.

Die evangelische Kirchengemeinde sowie die Verbandsgemeinde und die Stadt Höhr-Grenzhausen gestalteten die würdevolle Gedenkfeier gemeinsam mit Lehrern und Schülern des Gymnasiums Kannenbäckerland sowie von Stefan Wolfram („PAuL e. V.“ als Teil des Bundesprogrammes „Demokratie Leben!“) und Rolf Knieper (Opferberatung „m-power“). Die Beratungsstelle „m-power“ ist eine vom Bund geförderte, mobile Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

Für die musikalische Begleitung der Gedenkstunde sorgten die jüdische Klezmer-Künstlerin Odelia Lazar und der Gitarrist Michael Wienecke.